venerdì 27 dicembre 2024

Die Wiederholung (Selbsterfahrung 1)

Kevin mit y beklagt sich bei seiner Mutter, es sei immer so laut in der Klasse, er verstehe den Lehrer nicht. "So laut?", fragt sie. "Ja wie? Und der Lehrer?" "Kriegt es nicht geregelt."

Nachmittags um fünfe, Überstunden, die hier keinen Namen haben: Die angespannte Mutter von Kevyn sitzt am Tisch, daneben eine lächelnde Elternvertreterin. Auch ein freundlicher Klassenlehrer ist da und gibt sich Mühe, ihm gegenüber: ich. 

Mutter: Ihr Sohn habe sich beklagt über zu viel Krach in der Klasse. Ganz zu Recht, möchte ich anfügen, wenn der liebe Kleine nicht einer derer wäre, welche da pausenlos Lärm entwickeln. 

"Müssen se durschgreife!", kräht die Mutter. Sage nichts. 

Der Kollege erläutert inzwischen, wie ich in meinem Unterricht die Diktate machen solle, Elternvertreterin nickt. Sage nichts. 

Stay cool, könnte ich sagen, ich diktiere seit 35 Jahren, wenn auch ohne Referendariat. Ich sage nichts, denn ich habe ein altes Lied im Ohr. 

Ich war dreizehn und um mich herum gab es Erwachsene, welche mir erklärten, was und wie ich tun, wie ich sitzen, stehen, wie ich ein tüchtiger Mensch und wie ich es zu etwas bringen könne. Dazu nickte ich immer nur und wusste nicht, nur, dass ich keinesfalls so werden wollte wie sie. 

Das Lied? 




 J’avais vingt ans. Je ne laisserai personne dire que c’est le plus bel âge de la vie. Tout menace de ruine un jeune homme  (Paul Nizan)

lunedì 23 dicembre 2024

Lehramtsstudentinnen

Es gibt ja viele richtige Lehrerinnen, welche auf Lehramt studiert und ein Referendariat absolviert haben. Wir Seiteneinsteiger sind die zweite Garde. Das war mir mal, lang ist's her, anders erschienen.

TU Berlin, Neuere deutsche Philologie: Unsere Lehrer waren Walter Höllerer, Norbert Miller, Peter Sprengel, Friedmar Apel und der unvergessliche Wolfgang Max Faust. Als Professor Miller gleich zu Beginn bajuwarisch ertönte: "Wer nicht täglich seine sechzig Seiten liest, braucht hier gar nicht erst anzufangen!", da ächzten die Lehramtsleute und sprachen später von Unverschämtheit und Zumutung. 

Wenn der Sprengel im Seminar fragte, wer da vielleicht was gelesen habe, blickten die zukünftigen Lehrerinnen ins Leere. Sie hatten grundsätzlich nichts gelesen und wenn dann doch:  Wenn da jemand eine Diskussion darüber entfachte, ob Hugo von Hofmannsthal, statt "Manche freilich" zu schreiben, nicht besser demonstrieren gegangen wäre, dann waren sie das. Strickten auch gern. Der einzige unter diesen Anwärtern, der etwas Menschliches hatte, hieß Friedbert, war groß, entschieden übergewichtig und trug zu jeder Jahreszeit, ob drinnen oder draußen, einen braunen Parka. In der Regel schwieg er mit verschränkten Armen, doch einmal, im Aufzug, brach es, ohne erkennbaren Anlass aus ihm heraus: "Wer nicht die gesamte Gnosis kennt, der braucht mit Faust II gar nicht erst anzufangen!" Das ist natürlich Quatsch, aber ein liebenswerter. Die Erinnerung an diesen, wie ich annehme, späteren Studienrat, ist mir bis heute recht teuer.  

"Auf Lehramt" studieren hieß, den Stundenplan eingeflüstert bekommen und nach jeder Vorlesung sich vom Professor die Teilnahme durch Unterschrift bestätigen lassen. Kam für unsereinen nicht in Frage. Jetzt: 35 Jahren habe ich Abstand wahren können, treffen Lehrämtlerinnen und ich wieder aufeinander. 

Feste Stelle, Junge!

Im Nachbarland hatten sie mich einbestellt. Soundsoviel Uhr, da und da: Schulamt. Linoleum, endloser Gang. Ganz am Ende: Sieben formlose Gestalten sitzen grau im halbdunklen Raum. Konversation: Wartezeit. Was ich denn in Leipzig wolle, fragt mich eine dreimal. Ich Wessi.

Kommt ein Direktor herein, rundliche Figur, brauner Anzug, weißes Hemd, der Chef hier: erklärt dies und das, wendet sich dann an mich: "Sie gehen nach Raunzdorf. Flüchtlingskurse!" Ach so? Schon mal gemacht. Höre noch Rafah, der mir erklärt: "Ich wache jeden morgen auf und denke: Ich will nicht hier sein! Ich will diese Sprache nicht lernen!" "Ich würde jetzt lieber was andres tun", meine ich. Runder Mann schaut mich an: "Eine Stelle in Leipzig ist das!", erwidert er, "die oder nix!" Ich gehe.

In Sachsen-Anhalt, oh Bindestrich! lässt man mich ans Gymnasium. Auch schon gemacht, aber für Schweizer und Italiener. Jetzt ans Gymnasium in Bitterfeld. Neu, unneu: aufregend, aber nicht zu sehr.

Beim Willkommenskurs in Halle werde ich als Weltenretter begrüßt.  Man zeigt sich begeistert von uns, von mir und meinen Kollegen und Kolleginnen. Tatsächlich sind das unerhört qualifizierte Menschen, welche die 2/3 Dreijahresstellen an dem satthatten, was aus historischen Gründen noch Universität heißt, oder welche gerade noch rechtzeitig aus der Automobil- und Chemieindustrie geflohen waren, Das Land geht unter und die Schulen füllen sich mit neuen Lehrern. Könnte ja auch was Gutes sein, sozusagen zukunftsversprechend, oder? 

All diese habilitierten, promovierten und Postdoc-Leute werden dann den richtigen Lehrkräften, denen mit dem Lehramtsstudium und dem Referendariat, bald beweisen müssen, dass sie das auch einigermaßen hinbekommen. Bei gesenkten Ansprüchen: Während die Referendarin zehnseitige Unterrichtsplanungen vorzulegen habe, würde man sich bei uns mit ein oder zwei Seiten zufriedengeben. Sind ja doch mehr so Notlehrer. Was nun all diese Planung eigentlich solle? Macht man hier so. Das ist genauso deutsch wie Klassenstärken von 29 oder 30 Kindern es sind, die es sonst auch nur in anderen untergehenden Ländern gibt: in Russland, in Spanien und in Finnland nämlich nicht. PISA leicht erklärt. 

Gymnasiallehrer mit 25 Wochenstunden. Deutsch, Sozialkunde, vielleicht Ethik. Ein Jahr auf Bewährung, dann vielleicht: il posto fisso! die Stelle fürs Leben, was ja auch nicht mehr so lang sein dürfte. Meine Mutter freut sich.

Die Wiederholung (Selbsterfahrung 1)

Kevin mit y beklagt sich bei seiner Mutter, es sei immer so laut in der Klasse, er verstehe den Lehrer nicht. "So laut?", fragt si...